Gabriele Mariell Kiebgis

Seit mehr 30 Jahren arbeite ich als Massage- und Körpertherapeutin.

Ich bin die Gründerin der Psychoaktive Massage nach GMK® und bilde in Basis- und Fortbildungsseminaren Frauen wie Männer aus unterschiedlichen Branchen darin aus. Darüber hinaus bin ich Autorin und Dozentin sowie Mitglied der Forschungsgruppe „Therapeutische Berührung“.

 

In den letzten Jahren habe ich mich auf Berührung und Massage mit Menschen in einer Depression spezialisiert.

Gabriele Mariell Kiebgis


Ausbildungen und Arbeitsmethoden

  • Advance Praktitioner of Postural Integration
  • Psychodynamische Körper- & Energiearbeit
  • Biodynamische Psychologie
  • Gestalt-Körpertherapie
  • Ganzheitliche Bioenergetik
  • Atem & Bewegung
  • Biodynamische Massage nach Gerda Boyesen
  • Slow Stroke© Massage
  • Californische Massage
  • Sensitivmassage u. a.
  • Prozessorientierte Einzelarbeit
  • Leitung von Massage- & Meditationsgruppe
  • Gründerin und Ausbilderin in der Psychoaktive Massage nach Gabriele Mariell Kiebgis®
  • Mitglied der DGfB Deutschen Gesellschaft für Berührungsmedizin e.V.
  • Mitglied der süddeutschen wissenschaftlichen Forschungsgruppe 
  • Mitglied der IASAT International Association for the Study of Affective Touch
  • Dozentin
  • Autorin (siehe Publikationen)


Berührung

ist etwas Faszinierendes. Es gibt ein Foto von mir, schwarz-weiß. Ich bin ca. ein Jahr alt, sitze in einem weißen Kleidchen auf einer Wiese und halte ein Gänseblümchen in den Händen. Mit einem entzückten Ausdruck berühre ich vorsichtig die feinen Blättchen der winzigen Blume. 

 

Ich weiß nicht genau, ob ich mich tatsächlich daran erinnere. Sind es meine Körperzellen, die mir das Gefühl der Faszination in Erinnerung rufen: dieser Moment, in dem sich alles konzentriert auf das Erleben? Gebannt, ehrfürchtig, gefesselt. Mir ist, als würden die Beeren meiner Finger dieses Gefühl tatsächlich auch heute noch erinnern.

 

Wenn ich das weiße, durchsichtige Trennpapier des Fotoalbums auf das Foto lege, sehe ich nur noch das weiße Kleid. Es schimmert durch das Papier hindurch. Beim Berühren fühlt es sich seltsam glatt an und knistert in einer ganz bestimmten Weise.

 

Das Foto wird mit den Jahren mehr und mehr verblassen. Die Erinnerung in meinen Fingerbeeren an die Berührung des Gänseblümchens wohl erst, wenn ich sterbe.

Berührung

ist mein Thema. Angefangen mit der Magie, die eine Berührung auslösen kann, folge ich dieser Art des Welt-Erlebens bis heute: Anfassen, Fühlen, Spüren, Berühren, Empfinden: Ist das die Reihenfolge, um über die Oberfläche das Darunter wahrzunehmen und ist es beim Berühren eines Menschen der Beginn dieser wortlosen Kommunikation, von der wir die ganze Grammatik, jedes Wort, jeden Buchstaben und deren Sinn kennen?

 

Ich berühre gerne, weil es mich sofort in den Moment nimmt, in den gelebten Augenblick, in das Hier & Jetzt und es hält mich dort in dieser Realität, aus der später vielleicht einmal eine nacherzählbare Geschichte werden könnte. Mehr Leben geht nicht, es ist auf den Punkt gebracht, lässt es lebendig und authentisch fortsetzen, Sekunde für Sekunde, Minute für Minute.

 

In meinem Beruf als Körpertherapeutin lausche ich mit all meinen Sinnen in den Raum zwischen der von mir gebenden Berührung und der vom Empfänger aufgenommenen Berührung. In diesem Raum spielt sich eine ganze Welt der Aufmerksamkeit ab. Vor vielen Jahren „entdeckte“ ich, dass bei einer Berührung auf der Haut sich eine innere Aufmerksamkeit sowohl beim Berühren wie auch beim Berührt werden entfaltet. Ich nenne es den „inneren Beobachter“, die Wissenschaft nennt es "reziprok". Durch persönliche Erfahrungen – oder sollte ich sagen, es ist eine Vermutung, die sich immer wieder bestätigt? – ist die Gegebenheit dieser Aufmerksamkeit eine lebensnotwendige Instanz. Sie schützt unsere Unversehrtheit. Aus ihr heraus sind wir zur Resillienz fähig.

 

Jede Berührung wird in Einzelheiten über den Druck, die Fläche, der Temperatur und ihrer emotionalen Bedeutung zerlegt, sortiert, differenziert, einsortiert und abgespeichert. So entwickelt sich schon zu Beginn unseres Lebens eine wahre Berührungsbibliothek. Aus ihr kommen Erinnerungen hervor: wie meine Erinnerung an das faszinierende Gefühl beim Streicheln der zarten Gänseblümchenblätter.

 

Allerdings: Eine bewusste, vielleicht sogar therapeutische Berührung über einen längeren Zeitraum hinaus, wie z.B. bei einer psychoaktiven Massage, ist wie eine Reise in ein vielschichtiges Empfinden im reziproken Prozess. Würde ich beginnen, das dabei Wahrgenommene zu beschreiben, würden die Worte das Spür- und Erlebbare zusammenrollen, wie zarte Blütenblätter in einer herannahenden Nacht.

Berührung

ist die Kommunikation ohne Worte. Sie wirkt tiefer und eindrücklicher als jedes Wort oder jedes Bild, ob einzeln im Bilderrahmen oder aneinandergeknüpft als Film. Sie ist individuell erfahrbar: Nur wer sich berühren lässt, kann berühren und ist bereit, sich ohne das Hilfswerk Sprache zu verständigen. Eine Ohrfeige ist eine Ohrfeige: jederzeit reproduzierbar mit all den Umständen, in der sie erlebt wurde. Das Streichen der schmerzenden Wange mildert den Schreck, das machen wir ganz intuitiv. Körpertherapeutisch können wir durch Berührung erlebte Wunden „nachnähren“. Das ist neurobiologisch einfach zu erklären: Die Haut ist aus dem gleichen „Holz“ geschnitzt, wie das Gehirn, sie sind anatomisch miteinander verbunden. In unserem Gehirn gibt es Areale, in denen alle Körperstellen repräsentiert sind: Die geohrfeigte Wange ist zunächst als körperlicher Schmerz erkannt worden, zudem wird sie emotional eingeordnet, z.B. als Demütigung. Diese Verknüpfung ist abgespeichert. Streiche ich sanft die Wange, werden spezielle Nervenfasern, die unter der Haut liegen, dem Gehirn ein angenehmes Gefühl vermitteln und entsprechende Hormone ausschütten. Die Ohrfeige und das sanfte Streichen auf der schmerzenden Körperstelle wird als eine Erfahrung einverleibt: Ein Schmerz kann durch eine sanfte Berührung gemildert oder gar ausgelöscht werden.

 

Wir haben also jederzeit die Möglichkeit, erfahrene Schmerzen sowohl körperlich wie auch emotional durch sanfte Berührungen „umzuprogrammieren“. Natürlich, für die Wissenschaft ist das eine provokante Aussage, für mich als „Berührerin“ ein tägliches Brot.

Mein Tastsinn bleibt mir erhalten, bis ich sterbe. Ich nutze diese Erkenntnisse und folge weiterhin dem Welterleben durch Berührung. 

 

Mariell Kiebgis, Mai 2022